A New Series

In einem Antiquitätengeschäft mit kleinem Antiquariat in Minneapolis kaufte ich zwei Ausgaben des Life-Magazins. Eine, weil sie die erste nach der Mondlandung war und die andere, weil sie von der Revolution sprach. Letztere ist die Ausgabe vom 10. Oktober 1968. Das Heft war damals 14 Jahre älter als ich – fast auf den Tag genau 40 Jahre waren seit dem 10. Oktober 1968 vergangen.

Heute bin ich 34. Das Heft ist immer noch 14 Jahre älter als ich, liegt mir aber näher als damals. Der Grund, dass ich es behalten habe, waren weniger die Reportagen in Bild und Text als die Werbung, die einen großen Teil jedes Life- Magazins ausmacht. Sie erschien nicht nur allgemein ‘vintage’ und deswegen charmant, sondern stand auch in besonders schönem Gegensatz zum Inhalt des Heftes.

In dieser Ausgabe fand ich ganz vorne und zum Ausklappen den amerikanischen Traum. Im Hinblick auf den Titel: “A New Series. Revolution.” habe ich den amerikanischen Traum an die Wand gehängt und ihn mit einem roten Blitz fotografiert. Dann habe ich ihn lange bearbeitet und verfremdet damit er in starkem Kontrast sich zu erkennen gebe.

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Ich verstümmelte und verfärbte ihn vielfältig und doch schlug mir immer wieder ins Gesicht, dass mein Anliegen gleich dem der Werbung war. Farbe, Form und Glanz sollten das gemeinsame Thema variieren: Die Welt ist schön.

Die Attraktivität der Form und das Ensemble der Farben übersteht meinen Eingriff. Unschuldig daran bin ich mitnichten, weil, wenn auch im Geheimen, mein Wille auf der Seite der Attraktivität ist. Meinen Bildern geht es ähnlich wie jungen feministischen Körpern, die sich ausziehen, um gegens Objektwerden zu demonstrieren; oder dem Antikriegsfilm, der sich vom Militär die originalen Schiffchen zum Dreh ausleiht.

Das Ausgestellte ist mühsam verfeinert hin auf den Effekt. Dieser Effekt ist oft gut versteckt hinter verschiedenstem Gefühl, aber am Ende heißt er ‘Genuss’. Das, was wir abschätzig Kitsch nennen, liefert ihn bei niedrigstem Widerstand. Die abfällige Kritik am Kitsch hat das nicht erkannt. Sie hält sich nur am Pathos auf. Als sei das unterträglich Billige am Kitsch gerade der fühlende Mensch, der den Anblick genießt.

Ob die Macher des Life-Magazins das wussten, als sie ihre Cover-Collage montierten? Welcher Schleier wird da von wem verbrannt? Ist es der journalistische Furor, der den freien Blick aufs Dokument verlangt, oder ist es der glimmende Vorhang der geschichtlichen Bühne? Und jetzt steht er da, der Zuschauer und muss selber rennen, Steine werfen, sich zurückziehen, etc. … ?

revolution

Das soll ja das Besondere der Revolution sein, dass im Jahre 1789 zum ersten Mal das Volk als handelndes Subjekt in Erscheinung trat und seitdem tritt. Immerhin zeigen sich im schwarz-weiß-Teil des Titels deutlich die zwei Seiten. Aktion und Reaktion sind im Personal des Polizisten und der Menge identifizierbar. Während der Polizist metonymisch für die Staatsgewalt herhalten muss, stellt sich bis heute die Frage, ob man einer Menge nicht Gewalt antut hinter ihr ebenfalls eine Person oder Institution zu vermuten. Verhindern lässt sich die Gewalt bislang nicht. Bloße Menge zu sein ist den Individuen in ihr suspekt. Früher verleitete so ein Unwohlsein zur Gründung von Parteien mit Führungspersonal. Heute ist die Lage ähnlich, aber wie genau, das kann man in 40 jahren vielleicht erneut beschreiben.

Außerdem: anders als im amerikanischen Traum will in diesem Titelbild niemand gern zugegen sein.

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